Anna will lernen

 

Lupo / pixelio.de„Echt,für Innenarchitektur muss man auch Abitur haben?“, fragt Anna und zieht bestürzt die Augenbrauen hoch. Sie ist hübsch, langes braunes Haar, schlank, wie immer dezent geschminkt und gut angezogen. Sie sieht deutlich älter aus als 15, wir könnten fast als Freundinnen durchgehen. Einzig Annas Sprache verrät ihr Alter, es ist die Sprache der Großstadtjugend, Kiezdeutsch. Und diese große Unsicherheit, die immer wieder aufblitzt. Es ist Winter 2011, wir sitzen in der überfüllten Bibliothek im obersten Stockwerk der Neukölln Arcaden, einem Einkaufszentrum mitten im Kiez. Die wenigen Arbeitstische sind alle belegt, babylonisches Sprachengewirr fliegt durch die Luft. Zu unseren Füßen liegt Neukölln, zwischen uns das Buch „Berufswahl leicht gemacht“.

Unterricht ist kaum möglich - auch nicht für die, die lernen wollen

Der Titel wirkt fast spöttisch, denn diese Wahl ist alles andere als leicht. Nicht, wenn man die 9. Klasse in einer Schule besucht, in der die Klassenzimmertüren immer geöffnet sind, weil die Schüler kommen und gehen, wie sie wollen. Wo kein richtiger Unterricht möglich ist, auch nicht für diejenigen, die gerne etwas lernen würden. Wo man sich die Namen der Lehrer kaum merken muss, weil sie sowieso nicht lange durchhalten. Die Rütli-Schule, einst Symbol deutscher Bildungsungerechtigkeit, ist längst zum Vorzeigeprojekt geworden. Viele andere Schulen nicht nur in Berliner Problemkiezen sind weit davon entfernt. In keinem anderen Industriestaat entscheide die sozio-ökonomische Herkunft so  sehr über die Bildungschancen wie in Deutschland, befand das Bundesministerium für Bildung 2006. Seitdem wird viel unternommen, um gegen diese Bildungsungerechtigkeit anzugehen. An Annas Schule ist von diesen Bemühungen noch nichts angekommen. Mehr als 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund, viele sprechen kaum Deutsch, weil in ihren Familien die jeweilige Muttersprache gesprochen wird. Wie aber soll man dem Unterricht folgen können, wenn man die Unterrichtssprache nicht spricht? Viele kommen gar nicht mehr zur Schule, weil die Eltern, die oft selbst keine Ausbildung haben, keinen Sinn in einem Schulbesuch ihrer Kinder sehen.

Ist das jetzt noch ihr Projekt oder nur noch meins?

Peter von Bechen  / pixelio.deAnna ist schlau, arbeitet gut mit und begreift schnell, das fällt ihren Lehrern auf. “Innerschulische Fördermöglichkeiten haben wir so gut wie keine, schon im Normalbetrieb arbeiten wir alle am Limit“, sagt Annas Klassenlehrerin. „Wir können die Familien nur auf externe Angebote hinweisen. Die dann aber auch nichts kosten dürfen, denn das Geld ist meist sehr knapp.“ Auch das ist Bildungsungerechtigkeit: Sich keine Nachhilfe leisten zu können. Annas Eltern können das nicht. Ihr Vater arbeitet als Handwerker, seine Frau, die in ihrem Heimatland Polen als Sekretärin gearbeitet hat, geht putzen. Die Familie lebt in der berühmt-berüchtigten Neuköllner Plattenbausiedlung Gropiusstadt. Strenggläubige Katholiken sind sie, ihr Deutsch ist gebrochen, aber nahezu fehlerfrei. Anna will lernen, und Annas Eltern wollen, dass sie lernt. Ihre Tochter soll es einmal besser haben als sie selbst. Als Annas Klassenlehrerin das Mentorenprojekt der Neuköllner Bürgerstiftung empfiehlt, nehmen sie dankbar an.

Anna will lernen, aber sie lernt nicht genug. Zu den Treffen mit mir, ihrer Mentorin, bringt sie unzusammenhängende Heftaufschriebe und zerknitterte Arbeitsblätter mit und kommentiert diese mit „Da war ich nicht da“ oder „Ich versteh’ das nicht“. Vor allem in Mathe kommen wir nicht weiter. Anna beteuert, alles für den MSA tun zu wollen, taucht aber immer wieder ab. Meistens war dann ihr Handy schuld, abwechselnd leer oder kaputt. Ich bin genervt. Ich stoße an meine pädagogischen Grenzen. Ist das jetzt noch ihr Projekt oder nur noch meines? Anna will lernen, aber sie hat anderes im Kopf: Jungs und Shoppen vor allem, sie ist eben ein ganz normaler Teenager.

Es fühlt sich an, als hätte ich selber meinen Abschluss vermasselt

lichtkunst.73  / pixelio.deMit welcher Motivation bin ich Mentorin geworden? Vielleicht, weil ich großes Glück in meiner Bildungsbiografie hatte und andere viel Pech oder weil ich etwas zurückgeben möchte. Das klingt edel und gut, aber ist es auch die ganze Wahrheit? Im Frühjahr 2013 sitze ich vor einer zerknirschten Anna, die mit gebeugtem Kopf in ihrem Bubble Tea herumstochert. „Ich bin nicht zum MSA zugelassen, zu schlechte Noten“, murmelt sie. Dann bricht es aus ihr heraus: „Oh Gott, das tut mir so leid! Ich wollte dich nicht enttäuschen!“ Ich fühle mich furchtbar, wie eine überambitionierte Eislaufmutter. Aber es fühlt sich auch wirklich ein bisschen so an, als hätte ich selber meinen Abschluss vermasselt.

Kurze Zeit später treffen wir uns wieder, ein Plan B muss her. Anna kann, soviel verstehe ich nach diversen Telefonaten mit Lehrern und dem Versuch, mich in das komplexe Berliner Schulsystem einzulesen, jetzt noch eine Extra-Runde an der Schule drehen und sich dabei auf einen Beruf vorbereiten lassen. Ich rate ihr stattdessen, sich mit ihrem Hauptschulabschluss parallel direkt auf einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Anna bewirbt sich als zahnmedizinische Fachangestellte, aus einem simplen Grund: „Das macht meine Cousine auch und findet es cool“, sagt sie. So viel zum Berufswahl-Buch, denke ich.

Plan B und das Happy End

Im Februar 2014 treffen wir uns ein letztes Mal im Rahmen des Mentorings. Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen. Anna sieht schick aus, wie immer, aber etwas ist anders. Sie spricht viel selbstbewusster, sieht einem beim Sprechen in die Augen, hakt nach. Seit unserem ersten Treffen ist viel passiert, ganz nebenbei ist sie auch erwachsen geworden, ihr 18. Geburtstag steht kurz bevor. Eine der Bewerbungen war ein Volltreffer, Anna hat einen Ausbildungsplatz in einer Zahnarztpraxis gefunden. Es macht ihr viel mehr Spaß, als zur Schule zu gehen. „Ich liebe meinen Job!“, sagt sie und grinst. Dann erklärt sie mir, wie man sich richtig die Zähne putzt.

 

 

 

 

Über die Autorin: Katharina ist 29 Jahre alt und war von 2011-2014 im Mentorenprojekt aktiv.

cialis . nextday tramadol cod