"Das gute Gefühl, dass ich eine Perspektive bieten konnte"


Die Mentoren legen sich ins Zeug, damit ihre Jugendlichen einen erfolgreichen Start ins Berufsleben schaffen. Anfang 2009 haben drei von ihnen und die Projektleiterin Ursula Rettinger dem ... Dr. Kurt Anschütz von ihren Erfahrungen erzählt.

 

 

Jan, Katharina, Ursula und Henning


Die Mentoren haben gerade eben gemeinsam einer Schülergruppe Nachhilfe in Deutsch gegeben: „Wir simulieren die Abschlussprüfung, um herauszubekommen, wo die Probleme für unsere Mentees liegen. Heute haben wir einen Text aus der Prüfung 2008 besprochen, mit dem Textverständnis hat’s noch gehapert.“


Jan hat sein Studium in Politikwissenschaften und Geschichte beendet, seit dem Frühjahr lebt er in Berlin. Sein Mentee will Mechatroniker werden. Ihre gemeinsame Arbeit hat erst im Dezember begonnen, aber ein Vertrauensverhältnis hat sich doch schon eingestellt. Jan hat sich bereit erklärt, sich wöchentlich mit dem Jungen zu treffen. Allerdings nicht nur zum Büffeln, sondern auch zum Austausch.


Das Thema ist bereits gefunden. Beide, der Historiker und der Hauptschüler beschäftigen sich mit der Geschichte der Germanen. Sie werden deshalb die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums ‚Ein Gang durch zwei Jahrtausende deutsche Geschichte‘ besuchen; „da will ich dann allerdings versuchen, meinen Mentee auch noch für spätere Epochen zu interessieren.“

Im Übrigen ist Jan, Sohn aus bildungsbürgerlichem Hause, betroffen von dem Druck, unter dem die Jugendlichen stehen: „Ich wusste nicht, welche Verantwortung man einem 16jährigen auflastet: Er soll sich eine Zukunft suchen, aber was hat er denn für Erfahrungen bisher? Da ist die Welt doch noch eng. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich in diesem frühen Alter hätte entscheiden müssen! Damals dachte ich an Fußball, nicht an Jobs und Perspektiven!“


Unterstützung der Eltern ist wichtig


Katharina schreibt zurzeit noch an ihrer Diplomarbeit in Betriebswirtschaft. Und gleichzeitig beginnt sie mit dem Schreiben von Bewerbungen, „genau das, was auch meine Mentee jetzt lernen muss! Das geht schön parallel.“ Katharina stammt aus Kirgisien, seit 1993 lebt sie in Deutschland. Ihre Schülerin hat einen türkischen Hintergrund. Nach einem Praktikum bei der Sparkasse würde sie nun gerne Bankkauffrau werden. Aber sie kann sich auch vorstellen, als Köchin zu arbeiten, denn in der Catering-Firma der Kepler-Schule konnte sie sich schon erfolgreich erproben. Konkret steht jetzt die Vorbereitung der so wichtigen Präsentations-Arbeit an. Es geht um das Thema „Tourismus und Neukölln“. Dazu müssen fremde Menschen befragt werden – „eine richtige Herausforderung!“, findet Katharina. Und wie stehen die Eltern zum Projekt? „Die Mutter unterstützt das Mentoring vollkommen, das ist wichtig!“ Die Mentorin weiß, dass das nicht immer der Fall ist.


Individuelle Nacharbeit

 

Henning ist seit einem Jahr als Mentor dabei. Er hat Politikwissenschaften in Jena, Berlin und in Budapest studiert und arbeitet jetzt in der politischen Bildungs- und Jugendarbeit. Sein Mentee ist fasziniert von der Welt der Fahrräder, ein Praktikum in einem Fahrradladen verlief hervorragend. Er habe jedoch geklagt, dass er nicht immer alles, was ihm aufgetragen wurde, behalten konnte: „Da soll er jetzt halt lernen, sich das Wichtige aufzuschreiben. Jeder von uns hat Schwächen, wir müssen jeweils nur Mittel und Wege finden, wie man damit zu Rande kommt“. Durch solche Nach-Arbeit, die die Schule individuell nicht zu leisten vermag, kann ein Praktikum „nachhaltig“ wirken und vorbereiten auf einen Einstieg in die Lehre.

 

"Sie haben Interessen, Talente"

 

Was alle Mentoren betonen, sagt auch Henning: „Die Mitarbeit im Projekt gibt mir das gute Gefühl, dass ich weiterhelfen und meinem Mentee eine Perspektive bieten konnte.“ Als Bildungsarbeiter hebt er auch auf den größeren Zusammenhang ab. Er ist davon überzeugt, dass man in der Schule und über die Schule hinaus neue Methoden finden muss, wie man Schülern begegnet: „Sie sind doch nicht dumm, sie haben Interessen, Talente. Eigentlich sind sie auch gar nicht desillusioniert, einen Beruf wollen sie alle. Wenn man sie erreicht, dann können sie etwas leisten. Aber nur der individuelle Ansatz hat eine Chance!“

Seine Arbeit sieht er als Teil der notwendigen gesellschaftlichen Solidarität: „Die meisten Schüler haben neben der Schule noch einen Rattenschwanz von Problemen, viele sind einfach überfordert. Ganz selten haben sie eine Person, die nichts fordert, sondern bereit ist, sich auf sie einzulassen und in dieser entscheidenden Phase mitzuhelfen.“

 

Koordinatorin Ursula Rettinger unterstützt Mentoren und Schüler

 

Damit die Beziehungen zwischen Mentoren und Schülern sich gut gestalten, ist eine Koordinatorin auf Honorarbasis verpflichtet worden. Ursula Rettinger hat diese Funktion übernommen. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin mit einer Zusatzausbildung in Psychologie und hat damit eine ideale Doppelqualifizierung. Denn es geht ja nicht nur darum, über den Schulalltag Bescheid zu wissen und den Mentoren im Bedarfsfall pädagogische Ratschläge zu geben, sondern wichtig ist auch die Fähigkeit, sich in die beiden so verschiedenen Menschengruppen professionell rasch einfühlen zu können. Kernfragen sind dabei: Wer könnte zu wem gut passen? Und wenn es einmal zwischen den Mentor und Mentee schwierig wird: Was kann getan werden, damit das Vertrauensverhältnis wieder hergestellt wird?

 

Toller Elan: "Sie wollen die Gesellschaft mitgestalten"

 

Ursula ist vom Engagement der Mentoren beeindruckt: „Sie sind mit solchem Elan dabei, sie wollen an einem Punkt die Gesellschaft mitgestalten. Sie mit der Schule zu vermitteln, ist toll. Manchmal muss ich aufpassen, dass sie sich nicht überwältigen lassen von den Problemen der Kids.“

 

Seit Jahren arbeitet Ursula im soziokulturellen Bereich und hat erlebt, wie sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert haben. Mit ihrer N+Arbeit aber weiß sie sich am richtigen Ort: „Ohne Bürgerinitiative geht vieles schon gar nicht mehr. Ärmel hochkrempeln und selbst machen! Bei den Hauptschülern geht es doch wirklich um die Zukunft. Wenn man sich immer nur als geduldet und ertragen fühlt, kann man sich hier doch nicht heimisch fühlen!“ Darum hat sie auch nicht gewundert, als nun auch die 9. Klassen Mentoren wollten. Zusammen mit zwei überzeugten Mentees hat sie ihnen das Projekt vorgestellt. Seither gehen die Bewerbungsschreiben ein. Ganz schlicht: „Ich brauche Hilfe in Mathe und Englisch und bei Vorträgen bzw. Referate. Es wäre toll, wenn Sie mich berücksichtigen können." Und die Lehrer geben Kurzprofile und schreiben eine Empfehlung.

 

Wer mitmachen oder spenden will, ist willkommen

 

Alle wissen, dass mit diesem ehrenamtlichen Engagement von außen sorgfältig umgegangen werden muss. Ursula rechnet mit 20 potentiellen Interessenten, für sie hat sie bereits 15 Mentoren „in den Startlöchern“. Ein Großteil sind Jungakademiker, nicht wenige haben Migrationshintergrund. Wer mitmachen will, ist willkommen. Ein Einführungsgespräch mit der Koordinatorin kann über das Büro der Bürgerstiftung verabredet werden.